Mit dem Benz auf den Balkan

Mit dem Benz auf den Balkan

by Frau K. Albanien Reiseticker
Berthold der Benz W123T

August 2013 bei uns im Garten. Wir sitzen auf unserer gerade aus Paletten zusammengezimmerten Bank. Schauen zufrieden ins Grüne und machen Pläne.

Bänke machen das mit mir. Sie bringen mich dazu Pläne zu schmieden. In die Zukunft zu blicken. Mir mein zukünftiges Leben auszumalen. Mit Stühlen funktioniert das nicht. Auf Stühlen sitzt man um zu essen, zu arbeiten oder um sich zu unterhalten. Auf Bänken sitzt man einfach so. Alleine oder zu zweit. Nebeneinander. Blickt in die Ferne. Lässt die Gedanken schweifen. Schmiedet Pläne.

An diesem August jedenfalls, auf der Palettenbank in unserem Garten, wurde er geboren. Unser drei mal sechs Jahresplan

 

Der drei mal sechs Jahresplan

In der Fantasie:

  • 6 Jahre arbeiten, Geld sparen, einen Bus kaufen
  • dann erst mal 6 Jahre lang immer im Herbst/Winter 6 Wochen lang wegfahren, Jahresurlaub zusammenkratzen, 2 Wochen unbezahlten Urlaub dazu und los
  • Europa bereisen, jedes Jahr ein anderer Fokus, eine andere Richtung, soweit man halt kommt in 6 Wochen
  • in den nächsten 6 Jahren sollen aus den 6 Wochen dann 6 Monate werden, 6 Monate arbeiten, 6 Monate reisen, unser Langzeittraum
  • die letzten 6 Jahre verbringen wir dann auf unserer Gartenbank und erzählen unseren Enkeln von unseren aufregenden Reisen

 

In der Realität:

  • waren wir schneller am Ziel als im Traum
  • mit ein bisschen Glück und viel spannender Arbeit
  • schon nach 4 Jahren und ein wenig Downsizing reicht unser Geld
  • aus dem Bus wird ein 35 Jahre alter Mercedes Kombi, mit Matratze im geräumigen Kofferraum
  • wir sind inzwischen beide selbstständig und haben hauptsächlich im Sommer zu tun
  • jetzt im Herbst haben wir Zeit und wollen uns das erste Mal auf den Weg machen

 

Das Ziel der ersten Reise:

  • der Balkan, durch Slowenien, Kroatien, Montenegro bis runter nach Albanien, dann übers Meer und „all the way up“ durch Italien zurück
  • wir fahren mit unserem alten Benz in das Land mit der höchsten Mercedesdichte (lag zeitweise bei 100%), finden wir wenigstens Ersatzteile, wenn was kaputt geht 😉
  • bislang fließen die Touristenströme an Albanien vorbei, dabei hat das Land eine Menge zu bieten, unberührte Berglandschaften, endlose Strände, viel Natur, perfektes Setting für mich
  • sozialistische Architektur in den Städten, rund 200.000 kuriose Betonbunker verteilt im ganzen Land (es waren mal 750.000), traumhafte Fotomotive für Herr L.
  • außerdem Weltkulturerbe-Dörfer in osmanischer Bautradition, ausgesprochen gastfreundliche Menschen
  • wir fahren einmal quer durchs Land, vom Gebirge ans Meer, lassen uns treiben, freuen uns auf Begegnungen und Gespräche
Berthold der Benz W123T

Eine spinnerte Idee wird Realität

Als ich vor vier Jahren mit Herr L. auf der Bank saß und wild vor mich hin fantasierte, glaubte zumindest er nicht daran, dass meine spinnerten Ideen jemals Wirklichkeit werden könnten.

Zu unserem Familien-Patchwork gehören vier Kinder. Drei davon hat Herr L. beigesteuert, für eins bin ich verantwortlich. Der letzte Familienurlaub war gerade vorbei und er war naja – nennen wir es einmal herausfordernd. Zwei Teenager mitten in der Pubertät, einer auf dem Weg dahin und dazwischen ein wenig verwirrt das Nesthäkchen. Alle sehr geliebt und (in der Regel) liebenswerte Geschöpfe, solange die Hormone nicht verrückt spielen.

Unsere Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit war jedenfalls groß. Einen Camping-Bus müsste man haben. Einfach einsteigen und losfahren. Ohne festen Plan, einfach nur die Richtung festlegen. Bleiben wo es uns gefällt. Sechs Wochen nur für uns – das Sommerferiensurrogat für Eltern.

Ein Traum, aber kein sehr realistischer. Unser Geld reichte zu der Zeit mit Glück bis zum Ende des Monats. Herr L. war fest angestellt. Ich hatte mich gerade mit meiner Firma auf die Nase gelegt. Sparen, vor allem größere Summen, war nicht wirklich drin. Fast noch undenkbarer war es, dass Herr L. sechs Wochen Urlaub am Stück bekommen würde. Seinem damaligen Chef kamen schon bei zwei Wochen die Tränen. Nie, nie, nie hätte er geglaubt, dass sich die Situation jemals ändern könnte.

But the times they are a changing!

Erst einmal habe ich mein angekratztes Selbstbewusstsein mit viel Gartenarbeit wieder aufgepäppelt. Dann habe ich mangels anderer Beschäftigung begonnen über meinen Garten zu schreiben. Und plötzlich konnte ich mich vor Aufträgen kaum mehr retten. Ähem! Ganz so einfach war es natürlich nicht. Das ist die stark verkürzte Version. Die Ups ohne Downs-Variante sozusagen. Aber tatsächlich hatte ich bald wieder ziemlich viel zu tun. Herr L. kam an den Wochenenden mit dem Fotografieren kaum noch nach. Neben seinem festen Job war das nicht mehr zu schaffen. Bei dem Wort Teilzeit kamen seinem Chef nicht mehr nur die Tränen. Er dachte an Trennung und so kam es dann auch. Mit fünfzig Jahren plötzlich selbstständig. Da hat er ganz schön gestaunt der Herr L. und ich auch um ehrlich zu sein.

Mind the midlife-gap!

Inzwischen ist das ein Jahr her und wir haben uns zurecht geruckelt. Ist gar nicht so einfach, so eine komplette Lebensumstellung. Aber in der Summe macht es viel mehr Spaß, das zu tun, worauf man wirklich Lust hat. Herr L. mit der Kamera in der Hand und ich mit Laptop und Spaten, wir sind ein tolles Team. Natürlich könnten wir jetzt noch, wie auf der Palettenlounge geplant, zwei Jahre weiter sparen. Bis es reicht für den Bus. Aber zum einen gehört Geduld nicht zu meinen Kernkompetenzen und zum anderen haben uns ein paar Dinge gestreift, die uns unserer Endlichkeit sehr bewusst werden ließen. Warum also warten? Worauf? Uns ist darauf keine gute Antwort eingefallen. Deshalb steht jetzt Berthold der Benz vor unserer Tür. Ein alter Mercedes Kombi, mit zwei Dachkoffern und einer Matratze im Kofferraum.

Probeliegen Berthold der Benz W123T
Probeliegen Berthold der Benz W123T

Ready to take of.

Die Koffer sind gepackt. Fast jedenfalls. Wir versinken bei bester Laune im gleich-gehts-los-Chaos. Ich schreibe noch schnell diesen Text fertig und dann geht es los. Wir starten in unseren ersten sechswöchigen Trip.

A wie Albanien

Unser Reisealphabet beginnt mit einem A. Das steckt kein System dahinter. Das ist einfach so gekommen. Auf der Suche nach einem Ziel für unsere erste Reise sind wir mit dem Finger auf der Landkarte in Albanien gelandet. Nicht zu weit weg für eine sechs Wochen lange Reise. Angenehme Temperaturen und ausreichend Sonne im Oktober und hoffentlich auch noch im November. Noch nahezu unentdeckt von den Massen. Herr L. freut sich besonders darauf skurrile Bunker und sozialistische Architektur zu fotografieren. Ich freue mich auf die Landschaft, die Natur und lange Wanderungen. Beide sind wir sehr gespannt ob sich unser Kombi zum Übernachten eignet. In ein paar Stunden sind wir schlauer. Ich kann es noch gar nicht so richtig glauben.

Berthold der Benz W123T