Auf ein Bier nach Trier

Auf ein Bier nach Trier

by Frau K. Eifel

Das Wochenende naht und das Einfach-mal-weg-Gefühl springt mich völlig unerwartet, aber dafür sehr heftig an. Im Garten gibt es gerade nichts zu tun. Die Bienen kommen auch alleine klar. Der Mann hat nichts gegen einen Kurzurlaub. Bleibt nur die Frage wohin?

Das Wetter ist bombig, schon seit Tagen, die nahen Strände in Zeeland sind entsprechend überfüllt. Schade, Meer wäre schön gewesen. Ich habe einen neuen Badeanzug, der unbedingt getragen werden will. Die Alternatividee – eine mehrtägige Kanu-Tour auf der Lahn – wird auch schnell aussortiert. Wir sind nicht die Einzigen, dafür aber die Letzten die darauf gekommen sind. Draußen im Hof steht mein niegelnagelneues Fahrrad (ich habe zwei Jahre gebraucht um mich für ein Modell zu entscheiden, bei der Gelegenheit ein herzliches Dankeschön an Eduard von der Veloküche für seine Geduld ;-)). Eine Radtour. Warum nicht? Nur wohin?

Ausgangs- und Endpunkt müssen einfach mit der Bahn erreichbar sein. Nach kurzer Recherche landen wir beim Kylltal-Radweg. Rund hundert Kilometer entlang dem längsten Fluss der Eifel. Einmal übernachten. Am Ende ein kühles Bier bei Freunden in Trier. Das hört sich gut an. Und eine Gelegenheit für den Badeanzug einzuweihen sollte sich bei soviel Wasser doch auch ergeben…

Mit dem Fahrrad mitten durch die Eifel

Der Regionalexpress bringt uns von Köln in knapp anderthalb Stunden nach Dahlem. Anfangs ist das Radabteil noch voller Fahrräder, aber kurz vor Dahlem sind wir fast alleine. Nur zwei, drei Radfahrer steigen mit uns aus. Schon auf dem Bahnsteig finden wir die ersten Radwegschilder. Wir steigen auf und radeln los. Mein neues Rad rollt super auf seinen dicken Reifen. Die ersten Steigungen nehme ich mit einem Lächeln (und meiner Alfine 11-Gang). Nach dem Berg ist vor der Abfahrt. Und die ist auf dem Kylltal-Radweg immer länger als der Aufstieg. Der Fahrtwind im Haar fühlt sich herrlich an. Allerdings kratzt die Sonne mit ihren 31°C heißen Strahlen schon bald an unserer Kondition. Und das obwohl viele Streckenabschnitte bewaldet sind. Andere Radfahrer begegnen uns recht selten. Wir fahren an Feldern vorbei, durch luftige Mischwälder, durch Eisenbahntunnel und queren immer mal wieder die Kyll. Die Landschaft ist nicht spektakulär und Anfangs bin ich deswegen ein wenig enttäuscht. Aber ziemlich bald schon dringt das viele Grün um mich herum in mein Hirn ein. Ich schalte in den Chil-Modus.

Räder in der Bahn auf dem Weg zum Kylltalradweg
Kylltalradweg Tunnel
Gerolsteiner trinken
Kylltalradweg Laubwaldtunnel
Landschaft Kylltalradweg
Kylltalradweg durch lichte Wälder

Zumindest so lange, bis ich bei der nächsten Ministeigung wieder heftig schnaufen muss. Die Pause in Gerolstein kommt mir daher sehr gelegen. Energiespeicher auffüllen und auch die Wasserflasche. Im Bistro auf dem Marktplatz sind wir bald nicht mehr die einzigen Radfahrer. Allerdings haben sich die anderen alle dem Rennradfahrer-Dresscode unterworfen. Bunte Leibchen, knallenge Radlerhosen und ein schnittiger Helm. Ich fühle mich „under dressed“. Während sich die Nachwuchs Armstrongs und Ullrichs das dritte Bitburger hinter den Helm kippen, lasse ich mir meine anderthalb Liter Flasche Gerolsteiner mit Leitungswasser nachfüllen und kaufe bei der Gelegenheit gleich zwei Flaschen Aperetif-Essig. Den gibt es im Bistro in unzähligen Varianten. Ich entscheide mich für einen milden Passionsfruchtessig und einen wirklich umwerfenden Aprikosenessig.

Essig im Bistro in Gerolstein
Schaufenster Gerolstein
Schaufenster Gerolstein
Schaufenster Gerolstein

Der Mann will keinen Essig trinken, er geht lieber knipsen. Eines seiner Lieblingsmotive – zugeklebte Schaufenster – ist in der Einkaufsstrasse stark vertreten. Tatsächlich steht gefühlt jedes dritte Geschäft in Gerolstein leer. Bald hat er alle geknipst. Einigermaßen erholt schwingen wir uns danach wieder auf den Sattel. Strecke machen. Bis zu unserem Tagesziel Kylburg liegen noch ein paar Kilometer vor uns. Letztlich aber auch viel schneller hinter uns als wir dachten. Der Ort ist ganz nett. Er hat nur einen Makel: wir finden kein Eiscafé.

Unsere Energie ist noch nicht verbraucht und die Hoffnung auf ein Eis im nächsten Ort ist groß. Ein Fehler, wie wir sehr schnell merken. Direkt nach Kyllburg kommt die einzig nennenswerte Steigung der gesamten Strecke. Es gilt über einhundert Höhenmeter mit 13 Prozent Steigung zu überwinden. Eigentlich wollten wir schummeln und diesen Streckenabschnitt im Regionalexpress zurücklegen. Leider haben unsere Handys schon lange keinen Empfang mehr und deshalb haben wir die richtige Stelle zum Einsteigen einfach verpeilt. Pech für uns. Unten im Tal höre ich den Regionalexpress leise vorbeizischen. Ich selbst schnaufe inzwischen lauter als die erste Dampfmaschine. Dem Mann geht es nicht anders, wir schnaufen im Takt. Irgendwann haben wir es dann doch geschafft. Schade, dass mein Geld nicht für eine Rohloff-Schaltung gereicht hat, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, dass eine 1A-Schaltung mangelnde Kondition ausgleicht …

13 Prozent Steigung Kylltalradweg
Pause auf dem Kylltalradweg
Kylltal-Radweg 13 Prozent Steigung geschafft
Kyltalradweg Burgen und Schlösser

Eifel-Überlebens-Tipp 1: Informiere dich vorher über Übernachtungsmöglichkeiten

Der Blick von hier oben ist schön, die Fahrt nach unten noch viel schöner. Nur das nächste Dorf hält leider nicht was wir uns erhofft haben. Kein Eiscafé, kein Biergarten, keine Pension. Bis Bitburg sind es nur fünf Kilometer. Fünf Kilometer und 10 Prozent Steigung. Das schaffen wir nicht noch einmal heute. Kurz vorm Ortsausgang finden wir dann zumindest eine Pension. Und essen könnten wir am Bahnhof gegenüber sagt der Besitzer. Wenn auch kein Eis. Und schon gar nicht den Schoko-Erdbeerbecher, den ich beim letzten Aufstieg vor meinem inneren Auge gesehen habe. Im nächsten Ort gibt es zwar ein Hotel mit Gastronomie, aber das ist ausgebucht. Eine Hochzeit. Wir haben eh keine Lust mehr zum Weiterfahren. Also laden wir ab, lassen uns das Zimmer zeigen, duschen und schleppen uns zum Bahnhof. Inzwischen ist es 20 Uhr und wir haben richtig Hunger. Was wir nicht mehr haben ist Geld. Was die Bahnhofsgastronomie nicht nimmt sind EC-Karten. Und was es im ganzen Ort nicht gibt ist ein Geldautomat. Den gibt es nur in Bitburg oder in Badem. Um hinzukommen sind jeweils 10 Prozent Steigung zu überwinden. Das alles erfahren wir von Uschi, der Kneipenwirtin. Der größte Teil der Kommunikation verläuft dabei nonverbal. Auf Rechnung essen ist nicht – auch das teilt sie uns ausschließlich mit einer dezenten horizontalen Kopfbewegung mit.

Eifel-Überlebens-Tipp 2: Reise nie ohne „Cash in de Täsch“

Was nun? Wir studieren die überschaubare Speisekarte und zählen unsere letzten Kröten zusammen. Wir kommen auf 21 Euro. Das reicht für zweimal Currywurst mit Pommes und Salat (!) und vier Getränke. Die kosten alle das gleiche: freundliche zwei Euro für 0,3 Liter. Ich nehme einen Viezschorle (der leider genauso schmeckt wie ich ihn in Erinnerung habe) und überlasse dem Mann großzügig drei Bier. Dafür kriegt er nicht wie sonst was von meiner Wurst ab! Beim letzten Bier muss er kurz überlegen. In der Kneipe gibt es einen Flipper. Fünf Spiele kosten ebenfalls zwei Euro. Aber der Durst ist größer. Uschi ist inzwischen deutlich kommunikativer. Die Teller räumt sie mit einem herzlich „na, war doch gar nicht so schlimm“ ab. Ich muss lachen. Die Frau hat einen sehr feinen Humor. Zwischendurch erfreut uns Pitter, der nur mit einer Short bekleidet, seinen beachtlichen Bierbauch in die Kneipe schiebt. Im Mundwinkel eine 20 Zentimeter lange Zigarre. Rauchverbot – jibbet hier nicht. Nach ein paar Bier schlappt er wieder zu seinem Jeep. Ich habe nicht gesehen ob der die Zigarre beim Trinken rausgenommen hat. Wir sitzen draußen, der guten Eifelluft wegen…

ein Bier in Bitburg-Erdorf
Bitburg-Erdorf Kylltalradweg chillen
ein Viez in Bitburg-Erdorf

Hinter uns hält immer mal wieder ein Zug. Man merkt lange vorher wenn es wieder soweit ist. Dann fährt meist ein, manchmal auch mehrere Autos vor. Ohne persönlichen Abholservice geht hier nicht viel. Es ist friedlich. Wir sind satt. Und irgendwann soweit, dass uns auch unser Zimmer nicht mehr schreckt. Der Mann geht bezahlen. Ich bleibe sitzen. Bis er mich ruft. In der Hand eine Zwei-Euro-Münze. Im Gesicht ein fettes Grinsen. Uschi gibt uns eine Runde Flipper aus. Die Frau hat nicht nur Humor, sie hat auch Herz. Wir holen zwei Freispiele raus und verabschieden uns bestens gelaunt.

Am nächsten Morgen frühstücken wir erstmal ausgiebig. Mit vollem Magen fällt es uns leichter, unseren Zimmerwirt darüber zu informieren, dass wir kein Bargeld haben. Ich hoffe auf die Nummer mit der Rechnung. Aber die läuft nicht. Damit hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Sehr schlechte sogar. Das macht er nicht mehr. Die Geschichte dazu erzählt er mir während wir zusammen in seinem Auto zum nächsten Bankautomaten fahren. Und dazu noch ein paar andere Geschichten über die Gegend. Der Bahnhof in Erdorf ist zum Beispiel gerade für zweieinhalb Millionen renoviert worden. Bald wird er eingeweiht. Für einen Bankautomaten oder eine Toilette hat das Geld dann leider nicht mehr gereicht. Wir unterhalten uns noch lange bevor wir uns endgültig wieder in den Sattel schwingen. Auf zum nächsten Tagesziel. Dem titelgebenden Bier in Trier.

Kylltalradweg Tunnel
Wasserfall in Hüttingen Kylltalradweg
Hüttingen kleine Abkühlung

Eifel-Überlebens-Tipp 3: Reise nie ohne eine Reserve-Stulle

Vor uns liegen ein paar kleine, aber fiese Steigungen (der beste Moment des Tages: der Radweg biegt kurz vor einer weiteren Steigung rechts ab). Dafür wird die Landschaft jetzt spannender. Wir fahren vorbei an vielen Streuobstwiesen, auch neu angelegte mit großartigen alten Obstsorten. Mich begeistern besonders die vielen üppigen Gemüsegärten in den Dörfern. In Hüttingen gibt es einen kleinen pittoresken Wasserfall und das kalte Wasser aus dem Brunnenbecken bietet eine willkommene Abkühlung. Wir treten in die Pedale und würden nach ein paar Stunden ganz gerne etwas essen. Am liebsten in einem schnuckeligen Biergarten. Ein paar mal kommen wir an einem Schild vorbei, aber immer wenn wir dann vor der Wirtschaft stehen hat diese schon seit ein paar Jahren geschlossen. Ein nettes kleines Fischerhäuschen ist leider nur das Vereinsheim des dortigen Angelvereins. Die Angler haben eine Fähre aus Wassertonnen über die Kyll gebaut. Damit ziehen sie sich bis in die Mitte und gehen dann baden. Baden will ich auch und sie verraten mir ein paar Stellen flussabwärts wo das ganz gut geht. An einer machen wir dann schließlich Rast und packen die Restbrötchen vom Vortag aus. Unglaublich wie lecker so ein altes leicht angetrocknetes Brötchen schmecken kann.

selbstgebaute Fähre Angerverein Kylltalradweg
Anglervereinsheim Kylltal-Radweg
Anglerverein Kylltalradweg
Eisenbahnbrücke über die Kyll
ein Bad in der Kyll
Pause in Holzhütte Kylltalradweg

Ich bekomme jetzt endlich die Gelegenheit meinen Badeanzug einzuweihen. Der Mann ist wasserscheu und knipst lieber ein bisschen in der Gegend rum. Tief genug zum Schwimmen ist die Kyll an der Stelle leider nicht, aber dafür sehr erfrischend. Meine Haut fühlt sich noch eine Stunde später angenehm kühl an. Während der ganzen Zeit kommt niemand an dieser idyllischen Stelle vorbei. Überlaufen ist der Kylltal-Radweg wirklich nicht. Als wir wenige Kilometer später im nächsten Ort dann doch noch an einem traumhaften Biergarten vorbeifahren sind wir nur ein ganz, ganz kleines bisschen frustriert. Trier kommt schneller näher als wir am Morgen dachten. Es geht jetzt fast nur noch bergab. Das einzige was steigt ist meine Lust auf einen Schoko-Erdbeerbecher. Vor meinem inneren Auge nimmt er riesige Ausmaße an und ich freue mich wie ein Kind, als wir in Kordel auf ein sehr reales Eiscafé stoßen.

Nach dem Eisbecher zieht sich das letzte Stück bis nach Trier überraschend lange hin und nachdem wir uns über 100 Kilometer nicht verfahren haben schaffen wir das auf den letzten Metern. Statt gemütlich auf dem Moselradweg landen wir auf der viel befahrenen Biewerer Straße. Macht nichts. Moni und Udo haben Bier und Wein kalt gestellt. Der Grill ist schon an. Aaron, Ronja und Evi kommen auch noch. Ein perfekter Ausklang für eine gelungene Radtour. Das machen wir jetzt ganz bestimmt öfter. Viele Wege führen durch die Eifel und mit unseren hart erarbeiteten Eifel-Überlebens-Tipps kann uns jetzt nichts mehr schrecken.

Eis essen in Kordel
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Eis essen in Kordel
Burg vor Trier Kylltal-Radweg